Die Stadt ist unsere Fabrik | Spector Books | 2010

Christoph Schäfer, 304 Seiten, 150 Zeichnungen, deutsch / english, 34 x 23.9 cm, Gestaltung: Ina Kwon, Spector Books Leipzig 2010, Gewicht: 1260 g, ISBN: 978-3-940064-95-0, 28.00 €, http://www.spectorbooks.com/
Die Stadt ist unsere Fabrik” rechnet mit Leser_innen, die alles ganz anders lesen als vorgesehen. Es ist kein abgeschlossenes Werk. Es wird performt und verändert und übersetzt. Es wird in wissenschaftlichen Seminaren zitiert und macht Ärger auf der Strasse. Es kommt aus der Bewegung, es hat geklaut und es will Dich zum Verlaufen verführen. Hier sind links, Kommentare, Ergänzungen und Hinweise zu Diskussionen oder Bildern, die ich im Zusammenhang mit “Die Stadt ist unsere Fabrik” interessant finde:

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03. Januar 2015: Aller spätestens seit im Eingangsbereich von Penny-Reeperbahn ein Latte Automat steht, hat das Getränk sich vom Kennzeichen für Gentrifizierung ins Gegenteil gewandelt und ist zum Zeichen für Prekarisierung geworden. Statt von Latte-Zonen werde ich fürderhin von “To-Go-Zonen” sprechen. Ja, denk da mal drüber nach! Gegenden der totalen Flexibilität, glitschig wie das Kapital.

Anmerkung zur Negri-Hardt-Holm Bemerkung weiter unten: neulich am Pudeltresen bekam ich von Stella P. einen Text von Jan Rehmann zugespielt, den ich in diesem Zusammenhang äußerst relevant finde. Rehmann nimmt Spinozas (klugen) und Nietzsches (blöden) Machtbegriff auseinander, weist nach, wo Negri und Deleuze Nietzsche zu unrecht in Schutz nehmen bzw. nicht richtig gelesen haben, und leitet dann über zu einem Kapitel mit dem schönen Satz: “Wo Negri dennoch recht hat”.  “Wider die Verwechslung von Handlungsfähigkeit und Herrschaftsmacht”  heisst der Artikel, und den gibt ‘s dankenswerterweise sogar umsonst als pdf zum download. Spinoza gründet seine Ethik auf seinem Verständnis von Macht  (potentia), denn die Quelle aller Macht ist zunächst, dass mehrere gemeinsam Zusammenarbeiten, und dadurch Dinge machen, ermöglichen können, die einer alleine nicht kann. In der Macht ist das Mögen mit angelegt: “Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Nietzsche Spinoza jemals im Original gelesen hat (vgl. Brobjer 2004). Stattdessen hat er ihn v.a. über Kuno Fischers Geschichte der neueren Philosophie (1880) rezipiert, in der die potentia agendi mit »Macht« schlechthin wiedergegeben wird. In den neueren, auf Jakob Sterns Übersetzung gestützten Ausgaben der Ethik ist der Term meist mit »Tätigkeitsvermögen« übersetzt. Im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus wird er im Stichwort »Handlungsfähigkeit« behandelt und auf diese Weise mit dem gleichlautenden Begriff der Kritischen Psychologie verkoppelt, die ihn als subjekttheoretische Grundlagenkategorie eingeführt hat, um die lebenspraktische Vermittlung der individuellen mit der gesellschaftlichen Reproduktion zu fassen.

Auf eine ähnliche Grundbedeutung stößt man aber auch, wenn man sich die
Etymologie von Macht vornimmt. Im gotischen mahts und magan findet sich die Bedeutung vonkönnen, die noch im deutschen Verb vermögen sichtbar ist. Dass sich von diesem Können/Vermögen im Mittelhochdeutschen das Verb mögen im Sinne von gern wollen und gern haben abgezweigt hat, kann als Hinweis interpretiert werden, wie eng Handlungskompetenz und der Affekt eines zugewandten Wollens zusammengefühlt wurden; eine andere Abzweigung erfolgte zur Möglichkeit. Diese semantischen Verknüpfungen sind kein deutscher Sonderfall, sondern lassen sich ähnlich in den romanischen Sprachen nachweisen: s(…) In diesem allgemeinen Sinne konnte z.B. das Zedlersche Universallexikon von 1739 die Macht als Vermögen bezeichnen, »das Mögliche wirklich zu machen« (zit.n. Röttgers 1980, 585). Was die Grundbedeutung der Macht als Kompetenz auszeichnet, ist, dass sie der Möglichkeit nach verallgemeinerbar und demokratisierbar ist. Das unterscheidet sie grundsätzlich von der Herrschaft
bzw. der romanischen und englischen domination, die vom Standpunkt des
Herrn, des dominus als des Knotenpunkts von Patriarchat und Klassenherrschaft gebildet wurde und damit prinzipiell nicht demokratisierbar ist.”

2011: Niels Boeings tolles Buch Alles auf Null formuliert in 99 Thesen einen Werkzeugkasten zur Veränderung der Wirklichkeit. Ich durfte 10 Zeichnungen beisteuern. Eine davon hat Niels jetzt für sein Promo-Video verwendet:

Stichwort: GEKLAUT – das hat Andrej Holm, und zwar den Titel meines Buchs (Die Stadt ist unsere Fabrik) für einen Vortrag in Frankfurt am Main. Und das darf der Doktor auch, denn der Vortrag ist fein. Und kann sich als Video angeschaut werden, auf der Webseite der Goetheuniversität. Holm gibt ausschliesslich Negri und Hardt Credit für die These, die ich ihm 2009 im Gängeviertel serviert habe – ein gutes Jahr bevor Negri und Hardt das in ihr Buch geschrieben haben. Natürlich habe ich vorher bei Negri geklaut, näheres dazu unten – aber die Zeichnung zu Mehrwertproduktion und Stadt entstand vorher, und sowohl Holm – als auch Negri haben die gesehen. Trotzdem haben sämtliche “immaterielle Arbeit” und “Prekarisierungstheorien” keine schlagkräftigen Bewegungskonzepte und keine nachhaltige Widerständigkeit auf dem “glitschigen Parkett der postfordistischen Verhältnisse” entwickeln können – ohne diese These des in den Städten verräumlichten Widerstandes, der Stadt als Fabrik eben. 2013 zitiert David Harvey “Die Stadt als Fabrik” These von Negri und Hardt, und rückbezieht sie, auf das Denken Lefebvres – bingo! Danke!

Mal abgesehen davon, dass sich in den letzten 7, 8 Jahren ein irgendwie abfälliger Ton gegenüber den äusserst produktiven Thesen von Negri und Hardt in der dogmatischen Linken wie bei in der Kritischen Theorie steckengebliebenen Zu-Ende-Studierten breitmacht, wie es sich etwa in einer in Kiel verfassten halbinformiert über die Dinge hinwegschliddernden Replik auf Holms Vorlesung wiederspiegelt, weshalb es von meiner Seite an dieser Stelle Appppppplaus gibt für das Zitieren der beiden Post-Operaisten. Negri schrieb schon Anfang der Siebziger, also noch als Operaist, über die “fabricca diffusa” – die in den Raum gestreute Fabrik. “Aber halt!”, so wurde ich von Kai aus dem Centro hingewiesen, das italienische “fabricca” bedeutet auch und vor allem “Werk”, und zwar nicht nur im Sinne von “VW-Werk” sondern erst recht im Sinne von “Kunstwerk”. Also ein zerstreutes, von vielen Künstlerinnen geschaffenes Werk. Damit war Toni Negri nah an die Position Lefebvre’s gerückt, der zur selben Zeit davon sprach, dass die Stadt unser “Oevre” (also Werk, Kunstwerk) werden müsse, wie man sehr schön auf dem RECHT AUF STADT WIKI nachlesen kann, in dem bemerkenswerten und noch nicht gut genug diskutierten Artikel von Klaus Ronneberger zur “autogestion”.

EDITION: Spector Books hat eine Edition von 20 Büchern mit je einer Originalzeichnung herausgebracht: Die Stadt ist unsere Fabrik / The City is Our Factory Vorzugsausgabe: Buch mit Original-Zeichnung (24 x 34cm) 280 Euro. Alle Motive, unter anderem der im Textteil erwähnte beliebte Mechanisch betriebene singende Pitbull auf dem von Vorstadtjugendlichen zusammengebratenen Hotel für innerstädtische Reisen (einer von Therese Roth im Utopia Salon & Spa entwickelten Idee):

die stadt ist unsere...

Außer dem Pitbull gibt’s die Motive Bewaffne deine Wünsche, Jack the House und Die schlafende Verkäuferin in einem Kaufhaus in Blok M, Jakarta, alles hier bei Spector Books in hervorragend gescannter Qualität zur Ansicht.

NEU EINGETROFFEN: Es gibt eine Seite mit Reviews zu Die Stadt ist unsere Fabrik und anderen Aktivitäten von Christoph Schäfer.

QUELLENVERWEIS: Die Stadt ist unsere Fabrik – Seit dem Recht auf Stadt Workshop 2009 argumentieren Gentrifizierungskritiker_innen in Hamburg, dass eine Verräumlichung der sozialen Auseinandersetzungen stattfindet, dass die Produktion in die Städte zurückkehrt (siehe Niels Boeing zur Recht auf Stadt Parade 2010), und dass Wert im Postfordismus durch (urbane, vernetzte, kollektive, subkulturelle…) Aneignungsprozesse entsteht. Vorbereitend auf den Euromayday 2010 wurde die Gentrifizierungsfrage ausdrücklich mit dem Komplex der Prekarisierung zusammen gedacht. Jetzt hat auch der ak das Thema entdeckt. In der No. 558 vom 18. Januar 2011 präsentiert uns Arndt Neumann die in der Recht auf Stadt Bewegung entwickelte Argumentationslinie als das Allerneueste. Im Ton des universitären Seminaristen wird den “Gentrifizierungs_gegnerinnen” genau die Kritik entgegen gehalten, die diese selbst entwickelt haben: “Der Wert von Immobilien beruht nicht nur auf der Größe des Grundstücks und der Ausstattung des Gebäudes. Er beruht immer auch auf dessen Lage und damit auch auf dem Image des Stadtteils, in dem das Gebäude steht. Und dieses Image ist durch die Arbeit der BewohnerInnen gemeinsam produziert worden: durch die Cafés, Kneipen, Clubs und Galerien, die sie betreiben, durch die verschiedenen kulturellen, sozialen und politischen Projekte, die sie organisieren. Immobilien in gentrifizierten Stadtteilen sind gerade deshalb so lukrativ, weil die Immobilienfonds keinen einzigen Cent für das Image und damit für die Arbeit der dort Lebenden bezahlen. Wenn man Immobilienspekulation in diesem Sinne als Enteignung des Gemeinsamen fasst, dann gibt es keine Komplizenschaft zwischen KünstlerInnen und ImmobilienspekulantInnen. Die einen verdienen Millionen, die anderen bekommen nichts.” Fazit: “Gentrifizierung und prekäre Arbeit sind eng miteinander verknüpft. Dies in den Blick zu nehmen, ermöglicht ein genaueres Verständnis der gegenwärtigen Umbrüche in den Zentren der Städte. Aber vor allem ermöglicht es, die Konfliktfelder zu vervielfältigen. Und genau das ist nötig, um die wachsende Stadt mit Projekten zu umstellen.” Genau, möchte man sagen. Fehlt nur der Quellenverweis.

Eine kurze Bilderserie aus Die Stadt ist unsere Fabrik hat Anja Krieger auf der Seite des Hebbel am Ufer untergebracht, wo das Buch am Donnerstag, den 18. November 2010 im Rahmen des b-books Montagspraxisabends zwischen den Salaten des Prinzessinenengartens vorgestellt wurde. Noch interessanter: der Artikel von Anja Krieger über die im Buch unter dem Stichwort “Die Stadt ist nicht der Staat” beschriebene Kowloon Walled City, und Stefan Geenes neue Seite Gap2Go. Einen tollen Dokumentarfilm über die City of Darkness hat 1989 das Deutsche Fernsehen gedreht.

KATEGORIE “Texte, die es nicht in Die Stadt ist unsere Fabrik geschafft haben”: ein Interview, das mit dem Autor geführt wurde am Tag der Besetzung des Gängeviertels. Und ein anderes Interview, das der Autor mit einem BMW Mechaniker auf den Straßen von Dakar geführt hat, über Wissensproduktion, Arbeit in Städten, Computer und Gehirne, Subventionen und Grauzonen.

BLOG: Uff! Von allen Orten kommt jetzt ein Echo ausgerechnet aus Pakistan: Shokat Saleem schreibt in der PakTribune über Maurizio Lazzarato und reflektiert den Unterschied zwischen “Ereignis” und “Reperesentation” am Beispiel des EuroMayDay in Hamburg, dessen Medieneinsatz, und die Verbindung zur Recht auf Stadt BewegungWhen the city is our factory – then there will be worker’s assemblies.“. Unter dem Titel “Lefebvre # stricken” findet auf dem blog “from town to town” ein unverzichtbarer Dialog zu Recht auf Stadt, Lefebvre, Urbane Bewegung in Hamburg statt – auf hohem Niveau, mit dem Alltag verknüpft, äußerst lesenswert und es macht auch Spaß! Denn hier setzt sich Stadttheorie aus unterschiedlichen Stimmen, Umherschweifen, aus dem Alltag heraus entwickelter Politik zu einer neuen sozialrevolutionären Raumpolitik zusammen – es gibt Hoffnung, Leute.

FABLAB-FABRICATION LABORATORY: Dann hat Niels Boeing in der taz kurz vor Weihnachten, kurz vor der Recht auf Stadt Parade, mal eine Menge Diskussionen zusammengefegt, die bis dahin halbverbunden im Raum lagen: Recht auf Stadt in der taz Hamburg und “Die Stadt ist unsere Fabrik” im Technology Review sind wichtige knappe Beiträge zur Debatte. Auf einem im Buch erwähnten nächtlichen Debattenspaziergang sprach Niels über 3D-drucker und das fablab und darüber, wie nach der Personalisierung des Computers die Personalsierung der Produktion die Stadt verändern wird. Jan Wenzel von Spector Books hat mich auf diesen Beitrag über Bre Pettis’ 950 Dollar “MakerBot”hingewiesen, den dieser auf Alexander Kluges dctp TV vorstellt. In dem Video kommt ALLES zusammen: Pettis sitzt mit dem Interviewer im Café und philosophiert, während neben ihm, auf dem Cafétisch, der Roboter einen selbstdesignten Flaschenöffner druckt… Die Idee für’s fablab entstand am Center for Bits and Atoms am MIT, in Europa hat Holland mal wieder die Nase vorn und das Amsterdamer fablab wurde von denselben Leuten von de Waag gegründet, die unsere Freunde aus Delhi von Sarai seit Anbeginn unterstützen. (Sarai haben auch das Cybermohalla lab initiiert, das auf der Konferenz Park Fiction presents Unlikely Encounters in Urban Space präsentiert wurde – kommt im Buch vor). In Die Stadt ist unsere Fabrik gibt es auch einen Text aus dem Cybermohalla, Dilli Gate von Yashodha Singh, ein wichtiger Text aber auch Vorgeschmack auf “Trickster City” das neueste Buch aus dem Cybermohallah, gerade erschienen bei Penguin India. Cool: der Recht auf Stadt Wiki. Aus dem Umfeld der Recht auf Stadt Bewegung Hamburg hat sich eine fablab-Aufbauinitiative gegründet, die in Kooperation mit No BNQ; LOMU und We Make The City den mobilen fablab truck aus den Niederlanden nach Hamburg bringt.

LA FABRICCA DIFFUSA: Interessant in Bezug auf den Slogan “Wir erfinden die Stadt neu” finde ich dieses Essay von Maurizio Lazzarato, in dem dieser Satz zu lesen ist: “In dieser Konzeption der Produktion des Reichtums arbeiten und erfinden alle, sowohl in der Fabrik als auch in der Redaktion einer Zeitung, als auch in einer politischen Bewegung oder in einer Schule. Konsequenterweise sind die Subjekte der Produktion nicht auf die zwei Klassen der Arbeiter und der Kapitalisten zu reduzieren, sondern sie sind in der Heterogenität und der Differenz der Vielfalt zu suchen. Drittens ist die Tätigkeit der Kooperation und der Produktion die Kombination infinitesimaler und multipler Aktionen. Die Invention ist nicht der prometheische Akt eines großen Mannes, sondern die Tat von “kleinen Ideen” (Leibniz), die von kleinen Männern getragen wird. Der Historiker und der Soziologe der Innovation täuschen sich, weil sie den Prozeß nicht betrachten, in dem verschiedene Gehirne kooperiert haben, bevor ein einzelnes Gehirn das Resultat daraus gezogen hat.” Maurizio Lazzarato befasst sich mit Begriffen Gabriel Tardes unter dem provokativen Titel: “Warum wir nie Sozialisten gewesen sind und was uns am Marxismus nicht zufriedenstellt“. In die Debatte “gelauncht” wurde der Begriff “Die Stadt ist unsere Fabrik” von den Operaisten im Italien der späten siebziger Jahre, und wieder aufgegriffen in einem Interview, dass Rocko Schamoni und Christoph Schäfer mit der konkret geführt haben, sowie mit einem Gespräch mit dem Fanzine SUPRA aus dem Fanumfeld des FC-St.Pauli. Frank John hat sich im ak selbst interviewt: Besonders am Ende des Artikels gelingt es, eine argumentative Verbindung zwischen Post-Operaismus, der vom Euromayday versuchten Debatte um “Prekarisierung” und der Recht auf Stadt Bewegung hin zu bekommen. Warum der Artikel Hamburg High Heels heißt, bleibt mir aber ein Rätsel. Ein schickes Foto von Spanier zeigt die schicke Adaption des Slogans “Die Stadt ist unsere…” durch den Euromayday 2010 in Hamburg:

 

SCHWABINGGRAD: Frank ist wie der Autor beim Schwabinggrad Ballett dabei. Unser Stück Business Punk City des Schwabinggrad Balletts basiert in weiten Teilen auf Die Stadt ist unsere Fabrik. Neu und sehr schön ist zum Beispiel die Dialektik, die Schwabinggrad herausarbeitet zwischen den auch im Buch vorkommenden “Einwohnern von Ur” und den nicht darin vorkommenden “Einwohnern von Wow!”. Während die Einwohern von Ur es lieben, Haufen von Unterschiedlichkeiten zu bilden und sich gerne verlaufen, haben die Einwohner von “Wow!” kleine geile tragbare Geräte dabei, die die eigentlich gängelnde Tatsache der permanenten Erreichbarkeit und der nie aufhörenden Arbeit in cooler Ästhetik verschwinden lassen, und die sich vor Herzog & de Meuron Gebäude stellen und “WOW!” sagen. Auch ganz toll: die neuen Tänze, vor die Wand gefahrenes Aerobic, Industrie-Eurythmie, handgestricktes Meyerdoncksches bolschewistisches Experimentalballett – eine neue Sprache für eine neue Bewegung. Dieser Text wird fortgesetzt.

LATTE TO GO: Der im Pappbecher für den Verzehr im öffentlichen Raum verpackte tragbare Milchcafé macht eine – nach meinem Gefühl etwas zu steile – Karriere mit barocken Bedeutungswandlungen durch. Es begann kurz nach der Jahrtausendwende mit dem präzisen Begriff der “Cappucino-Ästhetisierung des öffentlichen Raums”. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Deutsche gelernt, dass man Cappucino ohne Sahne macht. Stattdessen bewiesen die Besitzer von Strassencafés zu diesem Zeitpunkt, dass sie einen Milchschaum zu produzieren in der Lage sind, der so steif und fest ist, dass er auch einem mittleren Frühlingssturm in einer nordischen Stadt stand zu halten in der Lage ist. “Cappucino-Ästhetsierung” meinte die Umwandlung der Stadt in eine aus einem Café zu betrachtende Fassade – Stadtentwickler nannten den von ihnen eingesetzten Stil im Umfeld der rekonstruierten Frauenkirche in Dresden “edelhistorisch”. Ausserdem schwingt beim Cappucino-Vergleich ja auch noch die ganze Idee der Aufgeblasenheit mit, von Schaum, Schall und Rauch, von mehr Scheinen als Sein. Die flächendeckende Durchsetzung des Coffee to go zog den Begriff der “Latte Macchiatisierung”, möglicherweise bereits 2005 eingeführt durch Park Fiction, nach sich. “No More Latte” stand damals auf einem Transparent. In denunzierender Absicht ins Spiel geworfen um die “Latte-Zones”, die Gentrifizierungsgebiete, zu bezeichnen, machte der Begriff mit der Recht auf Stadt Bewegung 2009 eine steile Karriere. Jetzt hat sich die symbolische Bedeutung der tragbaren Pappbecher wieder um 180 Grad gedreht: auf dem Euromayday 010 in Hamburg hieß es in etwa: wir sind nicht die Eigentümer, wir sind die Prekarisierten, die mit der Latte ohne festen Arbeitsplatz durch die Stadt schweifen – oder so ähnlich. Hoppla….

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