Versammlung der Mikropolitiken

ADOCS: Alle 50 Jahre erscheint in Hamburg ein Buch mit silbernem Einband und violetter Schrift, das es fertig bringt, scheinbar abseitige, kleine und poetische Theorie zu versammeln und für eine aufregende neue Art von ästhetisch-politischer Praxis scharf zu machen. Kayoung Kim, Marius Töpfer, Thies Warnke und Lisa Zander stellen sich ganz bewusst in diese Tradition. Ihnen geht es um alles, und sie haben ein krasses (und bildschönes) Buch herausgebracht, das der drohenden Einfalt im linken Widerstand gegen den Faschismus eine gehörige Portion Vision beibringt. Ich freue mich, mit einem Beitrag dabei zu sein, der die Institutionelle Psychotherapie nach ihrer Brauchbarkeit für eine Erneuerung politischer (mikro-)Politiken befragt.

Mit Beiträgen von Aska Welford, Barbara Niklas, Christoph Schäfer, Fran Edgerley, Ingo Böttcher, Jeanne van Heeswijk, Jesko Fezer, Kayoung Kim, Kike España, L’Après M, Lisa Zander, Liz Rech, Marius Töpfer, Petra Barz, Sandy Kaltenborn, Thies Warnke.

Aus dem Inhalt: Die Stadt kommunisieren / Die allnächtliche Versammlung / Parteiische Diagramme / House of Anetta / Produktive Schatten / Was kommt nach McDonald’s? / Zeit Alltag Wissen Protest und Teetrinken / Barfuß über den Horizont / Sanft sein

Die Herausgeber:innen schreiben:

“(…) Die Wirklichkeit umgestalten: Die Orte und Praxen, die wir in diesem Buch versammeln, haben vor allem gemein, dass sie in ihren Nachbarschaften mit ihrer Praxis den Alltag und die Beziehungen mit einer mikropolitischen Sanftheit1 transformieren. Jede große Transformation, so Kike España „beruht auf kleinen Transformationen, und es kann keine echte Transformation geben, die nicht klein und alltäglich ist.“2 Der Begriff der Mikropolitiken ist geprägt von Deleuze und Guattari. In ihren Werken, vor allem aber in Anti Ödipus, beschreiben sie damit die Fähigkeit des Begehrens, politische Handlungsmacht zu steuern3 und die Wirklichkeit umzugestalten4. Mikropolitisches Handeln ist ein imaginatives Handeln, ein Handeln entgegen bekannter Logiken, das mit Sanftheit im Zwischen operiert und den Alltag und damit die Welt neu erfindet. Ein mikropolitischer Aufstand, so Suely Rolnik, ist ein Protest des Unbewussten.5 Wenn wir eine andere Welt imaginieren wollen, so geht das nur auf mikropolitischer Ebene. Vielleicht war es das, was Guattari mit Mikro-Politik des Wunsches6 meinte, die Mikropolitik des Wunsches – anders zu leben.

Im Buch Die sanfte Stadt beschreibt España die Praxis der Recht auf Stadt Bewegung (in Spanien) als ein „Durchlöchern“ der Städte. España erarbeitet darin die Begrifflichkeit des „Löcherns“ und des „Lochs“ unter Bezug auf Lefebvre, die Situationisten und Deleuze und Guattari. Ausgangspunkt bietet das Bild des Lochs von Lefebvre, der es als Verbindung zwischen dem absoluten, eindeutigen und dem relativen, mehrdeutigen Raum beschreibt. Als Notwendigkeit und Bedingung zur Entstehung von Unterwelten. Weiter, über die Situationistische Internationale, die über die Konstruktion von Situationen dem von Macht besetzen Stadtraum einzelne Partikel entziehen wollte, um einen anderen Raum und damit nicht domestizierbare Löcher herzustellen. Bis zu Deleuze und Guattari, die das „Loch-werden“ als Prozess verstehen, bei dem es darum geht, nicht nur neue Löcher zu schaffen, sondern Löcher zu finden, sie zu erweitern und zu bewohnen. Hier ist das Loch „keine Abwesenheit, nicht einfach eine Leere, sondern ein bejahendes.“7 Für España sind es die Praxen des Löcherns, die die Stadt von ihren Rissen her radikal verändern. (..)”8

“Fran Edgerley und Aska Welford berichten über die Arbeit am House of Annetta und reflektieren darüber, was es braucht, einen Raum zu pflegen und wie ein behutsamer und wertschätzender Unterhalt neue soziale Beziehungsweisen öffnet. L’après M beantwortet die Frage: Was kommt nach McDonalds? und erzählen von ihrem Arbeitskampf in einer Fast Food Filiale in Marseille, der kollektiven Übernahme des Betriebs und der damit einhergehenden Transformation des Alltags. (…) In Ein paar lose Gedanken zu Zeit, Alltag, Wissen, Protest … und Teetrinken … umkreist Sandy Kaltenborn seinen Alltag am Kottbusser Tor in Berlin, wo er 2011 zusammen mit vielen anderen die Mieter:innengemeinschaft Kotti & Co gründete, die seitdem weit mehr macht, als sich für bezahlbare Mieten einzusetzen. Wir selbst reflektieren in dem Text Sanft sein die vergangenen Jahre in einem selbstorganisierten Stadtteilzentrum auf einer Verkehrsinsel in Hamburg Rothenburgsort, den Alltag und die ihm innewohnenden revolutionären Praxen, die vermutlich selten als solche erkannt werden und rufen schließlich dazu auf, verschwenderisch mit Zeit umzugehen. Liz Rech und Petra Barz sprechen über ihre künstlerisch-aktivistische Praxis des Versammelns in der Hamburger Recht auf Stadt Bewegung, mit der sie die damaligen Muster Linker Protestformen herausforderten. (…) Anhand dreier historischer Diagramme und mit der Brille der Mikropolitik verhandelt Jesko Fezer in seinem Beitrag die Parteilichkeit in Gestaltungsprozessen. Das Parteiische Design macht Schluss mit der Illusion einer neutralen und objektiven Gestaltung und schlägt sich auf eine Seite – „situiert und anti-neutral“. Christoph Schäfer zeichnet in seinem Beitrag den Ursprung der Mikropolitik in der Institutionellen Psychotherapie von Francesc Tosquelles nach und verknüpft ihn mit seiner eigenen künstlerischen Praxis. Dabei fragt er, wie heute die Mikropolitiken kollektiven Imaginierens produktiv gemacht werden können für die notwendige antifaschistische und emanzipatorische Organisierung (…)”

Und auch von meinem Text eine kurze Leseprobe:

“(…) Im Kern bedeutet die Institutionelle Psychotherapie, dass die Institution die Patient:in nicht von der Welt trennen sollte, sondern im Gegenteil: Sie soll die Patient:in aus der Isolation der Psychose herausholen, und ihr Zurückgeworfensein „auf sich selbst und ihre von der Psychose ausgefüllte Innerlichkeit“ verhindern, wie Elisabeth von Samsonow schreibt.1 Das, was draussen ist (und das Leben strukturiert), muss auch im Inneren der Institution wieder auftauchen, um hier bearbeitet oder neu kodiert zu werden. Tosquelles beschreibt „Leute, die an der Kasse der Cafeteria arbeiten, denen diese Kasse zum besten Therapeuten wird. Autisten, die Trinkgeld geben. Schwer paranoide Vorsitzende von Sozialklubs, die mit ihrem Budget verantwortlich umgehen.“

In Igor Barrère’s Film La Borde, le droit á la folie sagt Jean Oury konkret, dass alle Personen in der Klinik eine therapeutische Rolle spielen können – auch zum Beispiel eine Person aus der Verwaltung, oder ein Hausmeister. Schlägt der einen falschen Ton an, kann das erhebliche Folgen haben, vielleicht ein Trauma wecken und eine Person womöglich viel stärker beeinflussen, als es die Therapeut:in vermag. Folglich gehen alle Beschäftigten auf allen Hierarchiegraden der Anstalt selbst regelmässig in die Analyse. Das, was in La Borde oder Saint Alban unter „Arbeit“ zu verstehen ist, wäre vielleicht genauer zu beschreiben als gesellschaftliche Teilhabe, bei der alle etwas zum Alltagsleben beitragen. So war die Küche von La Borde in den Siebzigerjahren berühmt, weil dort neben professionellen Köch:innen möglichst viele der Patient:innen mit vorbereiten und kochen, auch wenn das Zerschneiden eines Champignons gegebenenfalls einige Minuten dauert, oder eine andere Person einfach nur in der Ecke steht und dabei ist, sich viel unterhält oder durch den Raum geht. „Das ganze Team der Köche spielt auf einer bestimmten Ebene eine therapeutische Rolle, wie bei allen Dienstleistungen hier. Das ist einer der Gründe, warum wir versuchen, das zu tun, was wir ‚das Rotieren‘ nennen, dass jeder ein wenig Zeit mit anderen Aufgaben verbringen kann.“4 Im Finanzausschuss, einem beliebten Gremium der Anstalt, entscheiden die Patient:innen selbstverantwortlich über die bedarfsgerechte Verteilung von Geldern, über die Erfüllung dringendster wie belanglosester Bedürfnisse. Arbeit ist in diesen Kliniken Teil der gesellschaftlich-politischen Emanzipation, wenn Menschen das erste Mal Teil einer Zeitungsredaktion sind, eigene Artikel schreiben und die der anderen diskutieren oder im großen Plenum ihre persönlichen Fragen, Philosophien und Phantasien ungebremst mit anderen Patient:innen, Studierenden, Besucher:innen und befreundeten Künstler:innen teilen.”

” (…) Diese Verknüpfung von Singularität und Gesellschaft, Tosquelles spricht von der Wiederherstellung des durch die Psychose gebrochenen Gesellschaftsvertrags, prägt Guattaris Vorstellung von Mikropolitik. Nachdem er die Frage eines Fernsehjournalisten, nach einem „maoistischen“ Hintergrund der Klinik von La Borde zurückgewiesen hat, setzt der Interviewer nach, ob er denn persönlich ein politisches Engagement habe: „Ja, schon seit langem“ antwortet Guattari, „aber erst nach und nach, denn es ist nicht einfach, sich in all dem festzulegen. Angefangen mit kommunistischem Aktivismus und oppositionellem Aktivismus. Und dann eher mit dem, was ich jetzt Molekulare Revolution nennen würde. All diese Bewegungen der Infragestellung auf der Ebene des alltäglichen Lebens, auf der Ebene der unmittelbarsten Beziehungen, mit unserem Körper, mit unserer Umgebung, in unserer Beziehung, mit den Kindern. All diese Mikro-Revolutionen, die wir beobachten konnten, wie sie sich in den Gefängnissen entwickelt haben und in dem Problem der Frau und so weiter. Ich denke, dass politische Probleme mehr und mehr der gleichen Natur sind, wie die, die wir im Unbewussten finden.“

Guattaris Verknüpfung von Subjektivität und Kollektivität hier, wie auch die in den gemeinsam mit Deleuze geprägten Begriffen der Wunschmaschine, des Rhizoms oder des Gefüges (l’assemblage) wurde ausserhalb des klinischen Kontexts auch für künstlerische Projekte attraktiv. Park Fiction oder PlanBude, als zwei Beispiele, an denen ich mit beteiligt bin, haben sich gezielt an diese Begrifflichkeit angelehnt bei ihren Versuchen, ausserhalb der „geschlossenen Anstalten“ der Kunst zu operieren, ebenso wie das Londoner Kollektiv Assemble oder das dieses Buch initiierende Kollektiv mikropol, die beide schon in ihren Titeln mit Verweisen auf diesen Begriffskomos arbeiten.

Zentral für Mikropolitiken ist das Alltagsleben als Ausgangspunkt, Denk- und Handlungsort des Gemeinsamen und der Veränderung, und eine mikropolitische Genauigkeit im Umgang mit Leidenschaften, Musik-Geschmack, Style, Lebensstil, Geschlechterbeziehungen, Drogenexperimenten, um nur einige Aspekte zu nennen.

Trotz ihrer Nähe zum Alltag ist Mikropolitik nicht mit jenen Praktiken von Ganzheitlichkeit zu verwechseln, die den Alltag einer Ideologie unterwirft. Die Wiederentdeckung des Ansatzes von Tosquelles, Oury und Bonnafé als Quelle dieser Arten von „Mikropolitik“ birgt vielmehr eine wertvolle Chance, das Verhältnis zu „Institutionen“ (Parteien, Gewerkschaften, Projekten) im Lichte der Institutionellen Psychotherapie anders anzuschauen, anders zu analysieren, anders zu befragen. „Sie ist Strategie einer instituierenden Praxis, die das institutionelle Ensemble im Sinne einer emanzipatorischen Politik modifiziert“, wie es Max Grüner in seinem Aufsatz zur Mikropolitik der Institutionellen Psychotherapie jüngst präzise benennt.”

Versammlung der Mikropolitiken

Kayoung Kim, Lisa Marie Zander, Marius Töpfer, Thies Warnke (Hg.)

ADOCS Verlag Hamburg

ISBN: 9783943253986

Seiten: 224

Größe: 19.5 × 13.5 × 1 cm

Preis: 22,00 €



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